Gelebte Zuneigung
Tsialis und "sein" Orchester gemeinsam in Hochform
Gotha. Stefanos Tsialis und die Thüringen Philharmonie Gotha spielten beim 5. Anrechtskonzert, als ob es um Leben und Tod ginge – eine musikalische Glanzleistung, die als Antwort auf die beschlossene Nichtverlängerung des Chefdirigentenvertrages gelesen werden kann. Nach dem Konzert ergriff Tsialis das Wort und bedankte sich für die Zuneigung des Publikums und den großen Zuspruch, der ihm nach diesem Beschluss wieder Kraft und Mut gegeben hat.
Sein letztes Jahr in Gotha verspricht nach diesem Auftakt, ein grandioses zu werden: In Dvořáks 9. Sinfonie zeigten sich Früchte der zweieinhalbjährigen Zusammenarbeit mit dem Klangkörper: die Einsätze mit größter Präzision, die nuancenreichen Orchesterfarben in perfekter Balance, die Tempogestaltung facettenreich.
Aus dem Nichts erhoben sich sehnsüchtig-schwere Gedanken, bis ein mächtiges Tutti Einhalt gebot und leicht fassliche Melodien – Anklänge an Folklore der "Neuen Welt" – aufblitzten. Auf kleinem Raum wechselten belebte Leichtigkeit und orchestrale Tiefe, gleichsam Phasen der Be- und Entschleunigung. Ein wundervoller Klangzauber gelang im friedlichen Largo, in dem die Bläser in elegantem Piano Choralthemen und pentatonische Weisen entfalteten und runder Streicherklang sich in Kantilenen hineinfühlte. Freudige Erwartung und ungewisse Aufregung sprachen aus dem Scherzo, dessen unterschiedliche Charaktere der Maestro deutlich auszuprägen wusste. Von forschen Blechklängen getragen, hob das stolze Finale an. Noch einmal präsentierten sich Streicherapparat und Holzbläser grazil und dynamisch. Das Thema erstrahlte in heroisch schmetterndem Glanz und als trauerchoralartige Passage. In gewaltigen Ausbrüchen lief das Orchester zu bombastischer Größe auf.
Aber auch in Brahms‘ Violinkonzert op. 77 bewies der Klangkörper eine spannungsreiche Gestaltung voll intensiver Klangfarben und Temperament. Gastsolist Lars Bjørnkjær setzte in der vollgriffigen Partie mit scharfem Strich herbe Einschnitte, fokussierte Figurationen und exponierte seine ausgefeilte Bogentechnik. Feuriger Schwung und rasante Kaskaden in ungarischem Idiom zierten das "Allegro giocoso".
