"Neue Welt" aus einem Guss

Gothaer Tagespost
Samstag, 14. Januar 2012
Autor: 
Horst Gröner
Artikelbezug: 
Konzert A5 am 12. Januar 2012

Beifallsstürme für Tsialis und die Thüringen Philharmonie mit Dvoráks "Neunter"

Gotha. Minutenlanger stürmischer Applaus in der ausverkauften Gothaer Stadthalle, von Bravorufen und heftigem Trampeln begleitet, stand am Ende der Aufführung von Antonín Dvoráks Sinfonie Nr. 9 e-Moll "Aus der Neuen Welt". Diese Ausnahme-Sinfonie wurde von der Thüringen Philharmonie Gotha unter der Leitung ihres Chefdirigenten Stefanos Tsialis einzigartig intensiv und packend dargeboten.

Was diese letzte Sinfonie Dvoráks so besonders erscheinen ließ, ist nicht nur die innere Verbundenheit der verschiedenen Teile des Werkes. Die immer wieder diskutierte Frage, ob und in welchem Umfang der Komponist uramerikanische Motive in die Sinfonie habe einfließen lassen, machte das Zuhören spannend und reizvoll. Vielleicht ging es aber eher um Dvoráks Heimatverbundenheit zur Zeit seines mehrjährigen Amerika-Aufenthaltes. So genau und eindeutig wird sich dies wohl niemals feststellen lassen.

Der erste Satz "Adagio – Allegro molto" brachte nach der Einleitung durch die Celli ein furioses Orchesterspiel, mit der Überleitung zu einem herrlichen Flötenmotiv, das wiederum von den anderen Instrumenten übernommen wurde. Den zweiten Satz "Largo" eröffneten stimmungsvoll die Blechbläser, bevor das sehnsuchtsvolle Thema vom Englischhorn vorgetragen wurde, wie aus einer anderen Welt. Voller Gegensätze zeigte sich der dritte Satz "Scherzo. Molto vivace" sowohl von der Rhythmik her als auch von seiner Melodik. Vielleicht ließ dieser Satz am ehesten Anklänge an indianische Musik erkennen, so man denn solche auch hören wollte. Der vierte Satz "Allegro con fuoco" machte seinem Satztitel alle Ehre. Einzig das ruhige Klarinettenmotiv im Mittelteil verschaffte auch den Zuhörern eine Atempause. Ansonsten feuerte Tsialis seine Musiker zu äußerster Intensität an und führte sie zu dem grandiosen Schluss, der in den Jubelsturm der begeisterten Zuhörer überging.

Im ersten Teil des Abends gab es das Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 77 von Johannes Brahms. Der dänische Geiger Lars Bjørnkjær spielte dieses berühmte Werk vom körperlichen Ausdruck her eher statuarisch, doch wirkte er dabei nicht minder energisch und energiegeladen. Bereits im ersten Satz "Allegro non troppo" zeigte er eine wunderbar differenzierte Dynamik, von der sich das Orchester unter Tsialis anstecken ließ. Auch die große Kadenz in diesem Satz war von seinem inneren Feuer getragen.

Das "Adagio" des zweiten Satzes begann mit dem hinreißenden Solo der Oboe, deren Melodiebögen von Bjørnkjær aufgegriffen und schwelgerisch weitergeführt wurden. Kraftvoll begann der dritte Satz "Allegro giocoso, ma non troppo vivace" durch die Violine, und wie aus einem Guss steuerten Solist und Philharmonie auf das mitreißend virtuose Finale zu. Mit heftigem Beifall wurde der Solist vom Publikum gefeiert, das mit diesem Abend einen außergewöhnlichen musikalischen Genuss erleben durfte.