Stürmischer Applaus
Sinfoniekonzert endete mit einem Bekenntnis des Publikums zur Thüringen Philharmonie und ihrem Chefdirigenten
Gotha. Nur zwei Werke standen auf dem Programm des Sinfoniekonzertes A5 der Thüringen Philharmonie Gotha in der Stadthalle: Johannes Brahms‘ einziges Violinkonzert D-Dur op. 77 und Antonín Dvořáks 9. Sinfonie e-Moll op. 95 "Aus der Neuen Welt". Solist des Abends war Lars Bjørnkjær, 1. Kapellmeister der Königlichen Kapelle Dänemarks.
Die Philharmoniker unter Leitung von Chefdirigent Stefanos Tsialis verstanden es hervorragend, in ihrem Spiel die Intentionen des Solisten aufzugreifen und so einen homogenen künstlerischen Gesamteindruck zu erzeugen. Bjørnkjær nahm sich des Werks in absolut zupackender Art an, bewies dramatisches Temperament und ein sicheres Gespür für Effekt, etwa durch geschickt platziertes agogisches Dehnen wichtiger Töne. In der großen Kadenz demonstrierte er eine fast schon schroff zu nennende Entschlossenheit, wobei ihm der gläsern-brillante Ton seiner Stradivari zugute kam.
Ganz andere Töne waren im 2. Satz zu hören, als die Solooboe (Rainer Suschka) das anschließend von der Solovioline aufzunehmende sehnsuchtsvolle Hauptthema sehr innig und ganz zu Herzen gehend vortrug. Der zeitweise trampelnde Applaus bewies: Bjørnkjær hatte seine Zuhörer durchaus beeindruckt. […]
Nach der Pause erklang Dvořáks letzte Sinfonie, die Neunte, die immer noch Begeisterungsstürme auszulösen vermag. Tsialis und seine Musiker agierten wie aus einem Guss und demonstrierten höchstes musikalisches Einverständnis, indem sie sowohl charakteristisch auszuformende Details als auch die große Linie keine Sekunde aus dem Blick verloren. So war garantiert, dass der musikalische Funke gleich zu Beginn aufs Publikum übersprang und das Werk bis zum letzten Akkord die Zuhörer in seinen Bann schlug. Grandios!
Ergriffen von der subjektiven Gewalt dieser unmittelbar wirkenden Musiksprache, reagierte das Publikum mit langem, durch mehrfaches Trampeln verstärktem Applaus; einige erhoben sich von den Plätzen, was in Gotha durchaus nicht gang und gäbe ist. Ebenso ungewöhnlich: Tsialis, dessen Vertrag nicht verlängert worden ist, bedankte sich mit warmen Worten bei seinen Zuhörern.
Das Unverständnis unter Gothaer Konzertbesuchern ist groß: Warum lässt man einen so fähigen Mann gehen, der in wenigen Jahren das Orchester zu einer hörbar verfeinerten Klangkultur geführt hat? Im Pausengespräch machten Fördervereinsmitglieder ihrem Unmut Luft: Wieso treffe der Vereinsvorstand Entscheidungen, ohne sie, die Mitglieder, einzubeziehen und über seine Beweggründe zu informieren? Auf die Antwort warten die Gothaer Musikfreunde zurzeit noch.
