| Hoffen auf Erlösung - Gothaer Allgemeine, 16.01.2010 |
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Weil der Chefdirigent erkrankt war, ging das fünfte Konzert der Anrechtsreihe A mit geändertem Programm über die Bühne. Von Dieter ALBRECHT GOTHA. Nichts war es also mit der seltenen Gelegenheit, Bruckners "Nullte" zu hören, sein wohl drittes vollendetes sinfonisches Werk, höchstwahrscheinlich nach der offiziellen "Ersten" komponiert. Und nichts war es auch mit Ferruccio Busonis "Nocturne symphonique". Zu kurzfristig war Frank Zacher, Chef des Preußischen Kammerorchesters, eingesprungen, um dieses Programm bedienen zu können. So begann das Konzert der Thüringen-Philharmonie also anders als vorgesehen - mit Musik aus "Tristan und Isolde" von Richard Wagner. Und zwar mit dem Vorspiel und dem später als "Liebestod" bezeichneten Schlussteil der Oper. Mit viel Feingefühl, ohne Stab, allein durch weich fließende Bewegungen aus dem Handgelenk, leitete Zacher die Musiker im Vorspiel, das nicht zuletzt berühmt geworden ist durch den gleich im zweiten Takt auftretenden harmonisch mehrdeutigen "Tristan-Akkord". Dass der uns Heutigen, nach Strawinski und Stockhausen, trotz aller Versuche, "historisch zu hören", deutlich weniger Schauer über den Rücken jagt als den Zeitgenossen damals, ist klar. Was aber auch heute vonnöten ist, das ist bei aller Zurückhaltung eine enorme Spannung. Und das ist den Musikern gelungen. Zu einem einprägsamen Erlebnis verhalf die Altistin Britta Schwarz den Zuhörern mit ihrer Interpretation der "Kindertotenlieder" von Gustav Mahler. Die sind ein beredtes Beispiel dafür, mit welcher Meisterschaft der Komponist volksliedhafte Intonation und Abgründiges untrennbar miteinander zu verschmelzen wusste. Mit warmer und zugleich schlanker Stimme, äußerst diszipliniert in der dynamischen Differenzierung, spürte die Solistin feinsten Seelenregungen in ihrer zumeist nach innen gekehrten Dramatik nach. Sie präsentierte sich als Liedgestalterin, die über jeden, auch nur den leisteten Anflug von Oberflächlichkeit erhaben ist. Das war wohl auch der Grund, warum man sich als Hörer womöglich mehrfach dabei ertappte, den nicht weniger wichtigen Part des Orchesters bewusst wahrzunehmen. Nach der Pause erklang Tschaikowskis Schicksalssinfonie, die Vierte in f-Moll, op. 36. Erschien der Anfang noch ein wenig blass, fühlte man sich doch bald, spätestens, als die "Schicksalsfanfare" erscholl, in das spannende Seelendrama hineingezogen. Erfreulich präzise und überzeugend in der dynamischen Differenzierung gelang den Streichern das den dritten Satz beherrschende Pizzikato - nach Tschaikowskis eigenen Worten launige Arabesken und flüchtige Bilder, die einem etwa im leichten Weinrausch oder beim Einschlummern durch den Kopf ziehen, "unverständlich, bizarr und zerrissen". Den Durchbruch zum Licht nach Beethoven'schem Muster bringt der 4. Satz mit der Volksliedmelodie von der einsamen Birke - ein Volksfest, auf dem der Vereinsamte sich mit der Gemeinschaft verbunden fühlt. Freilich weiß jeder, der etwas genauer hinhört und die Lage des wegen seiner homoerotischen Veranlagung zum Außenseitertum verurteilten Komponisten kennt, dass sich diese Hoffnung auf Erlösung nicht erfüllen konnte. Erfüllt hat sich dagegen die Hoffnung, trotz der Programmänderung ein hörenswertes Konzert zu erleben. Schade, dass nicht noch mehr Konzertfreunde gekommen waren. |