| Inneres Leuchten - Gothaer Allgemeine, 27.02.2010 |
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Philharmoniekonzert: Außergewöhnliche stilistische Vielfalt Im 2. Klavierkonzert g-Moll op. 22 von Camille Saint-Saëns trafen ein hervorragender Pianist und ein in seiner Genialität oft verkannter Komponist aufeinander. Saint-Saëns, ein ausgewiesener Liszt-Verehrer, räumt dem Solisten im ersten Satz die absolute Priorität ein und gewährt dem Orchester hier und da die Möglichkeit, seiner dienenden Funktion zu entsprechen. Aus dem präludierenden Beginn im Stil Bachs gelangt der Komponist rasch zu Liszt’scher Virtuosität, aber vieles erinnert auch an den oft atmosphärischeren Chopin. Ja, der erfahrene Hörer dürfte sogar eine Art Vorwegnahme eines Motivs aus Rachmaninows berühmten, erst 24 Jahre später entstandenen Cis-Moll-Prélude vernommen haben. Im zweiten Satz warfen Klaus Sticken als Solist und einzelne Instrumentengruppen einander in amüsantem Wechselspiel die Bälle zu. Lohnende Aufgaben gab es hier für die Bläser; ohne das perfekte Zusammenwirken aller aber wäre die überwältigende Wirkung wohl so nicht zustande gekommen. Mit gewohnter Leichtigkeit nahm der Solist die sich von Satz zu Satz steigernden virtuosen Klippen, was ihm zum Schluss Beifallstrampeln eintrug. Er bedankte sich in seiner Zugabe mit dem sehr emotional vorgetragenen Nocturne op. 27 Nr. 2 Des-Dur von Fryderyk Chopin, dessen 200. Geburtstag (22. Februar, 1. März, 4. März?) die Musikwelt in diesen Tagen begeht. Ein wunderschönes Werkchen, leider mit nur kurzem Beifall bedacht, erklang nach der Pause: Leo Delibes' Bühnenmusik zu Victor Hugos Schauspiel "Le Roi s‘amuse" ("Der König amüsiert sich"). Barocke Tänze aus der Feder eines Romantikers: Das Orchester ließ die einstige "Klangrede" nicht etwa in romantischer Soße ertrinken, sondern lieferte eine durchsichtige, von innen heraus leuchtende Interpretation ab. Ein typischer Darius Milhaud beschloss den kontrastreichen Konzertabend: die 1920 in Paris uraufgeführte Ballettmusik zu "Le Boeuf sur le toit" ("Der Ochse auf dem Dach"). Urwüchsige brasilianische Folklore und ausgeklügelt provokative Kunstmusik sind hier auf das Innigste miteinander verknüpft: populäre Banalität, außerordentlich amüsant verfremdet durch intellektuellen Schalk auf höchstem Niveau. Typisch für Milhaud sind die mehrfach übereinander gelagerten verschiedenen Tonarten, was - wie bei der Überlagerung unterschiedlicher Wellen in der Physik - die immer wieder unvorhersehbare Vorherrschaft mal der Konsonanz, mal der Dissonanz nach sich zieht. Ein bisschen, aber eben auch nicht mehr, erinnert das an die Jahrmarktskakophonie in Strawinskis "Petruschka" von 1911. Das Orchester präsentierte sich in Hochform und hatte sich den heftigen Applaus redlich verdient. |